Im Sommer 1914 brachen zwei russische Armeen nach Ostpreußen ein. Die Verwüstung, die sie anrichteten, und den Kampf, den sie führten, hat Alexander Solschenizyn in seinem Roman „August 14“ nachgezeichnet. Eine der Armeen stand im Norden der Provinz, nahe Königsberg, die andere drang von Süden Richtung Allenstein vor. Verteidigt werden sollte die Provinz von der deutschen 8. Armee, deren Kommandeur von Prittwitz jedoch die Nerven zu verlieren schien. Er wurde ersetzt durch Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff, die einen bereits vorbereiteten Plan umzusetzen begannen, um die Übermacht abzuwehren.
Rochade mit der Bahn
Fast alle Truppen sollten die russische Armee im Süden angreifen, die weiter westlich stand und deshalb für Ostpreußen, ja für das gesamte Reich die gefährlichere war. Dafür wurde das I. Armeekorps, das bereits gegen die andere russische Armee gekämpft hatte, mit der Eisenbahn nach Süden befördert. Dessen Befehlshaber war Hermann von François, Abkömmling einer preußischen Offiziersfamilie hugenottischen Ursprungs. Der General kannte von Hindenburg, der sein Vorgesetzter beim IV. Armeekorps in Magdeburg gewesen war. Auch mit Ludendorff hatte er dort zusammengearbeitet, ja mit ihm sogar ein Büro geteilt, und seitdem waren sich beide in einer sehr ausgeprägten Abneigung verbunden. Bereits kurz nach seinem Eintreffen in der Nähe von Usdau erhielt von François den Befehl, die Russen dort am nächsten Tag anzugreifen.
Der doppelte Ungehorsam des Generals
Von François dachte nicht daran. Ein Teil seiner Truppen befand sich noch auf der Bahn, vor allem die Artillerie. Die Gefahr eines Scheiterns erschien ihm bei einem Angriff mit unvollständigen Verbänden zu groß. So zog er dessen Beginn noch einen vollen Tag hinaus, obwohl von Hindeburg und Ludendorff persönlich bei ihm erschienen und drängten in der Befürchtung, die andere russische Armee könne noch eingreifen. Am 27. Juli 1914 gab von François den Befehl zum Angriff, der zum Durchbruch durch die Flanke der russischen Armee führte. Bald darauf, auf dem Höhepunkt der Schlacht, zog der General es wiederum vor, seiner eigenen Einschätzung der Lage zu folgen. Im Norden der Front schien es zu einer Krise zu kommen, und Ludendorff gab den Befehl, sofort eine Division nach dort zu senden. Der General ignorierte die Anweisung, obwohl sein Vorgesetzter am Telefon „neurasthenisch“ darauf bestand; womit von François unablässig und mit großem Nachdruck meinte. Die Szene ist auch deshalb interessant, weil Ludendorff ein anderes Bild von sich in der Öffentlichkeit pflegte, nämlich das des Feldherrn, der keine Nervosität kannte. Außerdem deutet sich darin die Nervenschwäche Ludendorffs an, die ihn 1918 wochenlang lähmte, als sich die deutsche Niederlage abzuzeichnen begann.
Churchills Meinung: Der eigentliche Sieger
General von François sollte Recht behalten. Die Truppen, die er weiter nach Osten hatte vorrücken lassen, schlossen den Kessel um die Russen und vollendeten den Sieg. Winston Churchill nannte ihn nach dem Krieg sogar den eigentlichen Sieger von Tannenberg – ein Titel, der dem General schmeichelte, den er aber mit Hinweis auf von Hindenburg stets ablehnte.
